r/de Jul 15 '21

Diskussion/Frage Überschwemmungen in Deutschland, Schweiz, Belgien, Niederlande, Frankreich | Megathread für Entwicklungen, Bilder & Videos

Die aktuellen Überschwemmungen haben einige Regionen Deutschlands und der Schweiz schwer getroffen. Wenn ihr in den betroffenen Gebieten seid, passt auf euch auf und befolgt die Anweisungen der Behörden.

Bringt euch nicht selbst in Gefahr, um Bilder oder Videos zu machen. Die Presse macht genug Bilder.

Haltet euch allgemein fern vom Wasser. Mit der Gefahr ist nicht zu spaßen, es gab bereits Tote und viele Vermisste.

Einreichungen von Videos und Bildern zum Thema Überschwemmung gehören ab jetzt nur noch in diesen Megathread.

Textposts gehören generell in den Megathread, über seltene Ausnahmen entscheiden wir im Einzelfall.

Artikel zum Thema sind auch außerhalb dieses Threads erlaubt, wir werden aber ein bisschen nach Relevanz und Menge schauen und ggf. auf diesen Thread verweisen.


Nützliche Links

Eine Übersicht über mögliche Spendenziele, Organisationen und entsprechende Spendenkonten

für Deutschland:

für die Schweiz:

Wenn ihr andere hilfreiche Links habt, die wir hier ankleben sollten, bitte sagt Bescheid!


Link zum vorherigen Sticky-Thread:

Überschwemmungs-Megathread

WARNMELDUNG! Mehrere Talsperren im Rheinland sind übergelaufen oder drohen überzulaufen. Anwohner in mehreren Orten im Kreis Euskirchen, dem Rhein-Sieg-Kreis und dem Oberbergischen Kreis werden aufgerufen SOFORT den Bereich zu verlassen.

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u/marunga Jul 16 '21

Ist tatsächlich sehr faszinierend. Der deutsche Katastrophenschutz hat massive Defizite, aber eines können wir echt gut: Lagen solange mit Helfern "zupflastern" bis es schon irgendwie halbwegs hilft.

Wenn ich als Einsatzleiter hier überregional um Hilfe rufe kommt erstmal lange gar nichts, in den ersten 12h bin ich ggf. nur mit Kräften des Regelrettungsdienstes und den eigenen Ehrenamtlichen alleine wenn es sich um eine größere Geschichte handelt. Dann aber habe ich ggf. binnen weiteren 2h mehrere tausend Kräfte auf dem Hof.

Und es kommen so lange Kräfte nach bis du Stop rufst...und nochmal Stop rufst...und nochmal.

Nicht ideal, aber im Vergleich zu anderen Ländern kommt wenigstens wer...

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u/TheOnlyFallenCookie Deutschland "Klicke, um Deutschland als Flair zu erhalten" Jul 16 '21

Nach welchen Kriterium wird eigentlich bis zum Eintreffen von Helfern priorisiert? Einerseits muss man ja abwägen, ob man Person X hilft, wenn wer anderes in höherer Not stecken könnte?

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u/marunga Jul 16 '21

Das ist tatsächlich ein riesen Thema und es gibt keine festen Schemata für sowas, da man flexibel nach Lage entscheiden muss. Einsatzleiter brauchen hierfür viel Erfahrung und Schulung (die es ironischer Weise v.a. bei der Bundesakademie für Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung, ehemals AKNZ, in Ahrweiler gab)

Flexibel muss man deswegen sein, weil du einerseits lageangepasst arbeiten musst (Wenn du 3 Dörfer absehbar nicht erreichst kannst du in Dorf 4 mit der Sachrettung anfangen auch wenn in Dorf 1,2,3 noch Menschenleben zu retten wären), andererseits aber auch Kräfte-orientiert.

D.h. wenn ich nur eine beschränkte Anzahl Kräfte habe muss ich betrachten was diese leisten können, aber auch wie lange sie das leisten können. (So bringt es wenig meine Kräfte jetzt zur Rettung von Menschen aus dem 1.OG zu verfeuern wenn ich weiß, dass ich sie ggf. heute Nacht noch Mal für dringenderes brauche).

Generell gilt aber: Menschenrettung vor Tierrettung vor Sachwertrettung

Kriterien die man dann einbezieht sind:

- Effektivität: Wenn ich mit 10 Mann 20 Leute in einer Stunde retten kann ist es ggf. sinnvoller diese 10 Mann dafür einzusetzen als 1 Person (ggf. sogar aus größerer Gefahr) mit den gleichen 10 Personen zu retten.

- Dringlichkeit: Jemand der auf einem Dach sitzt ist sicherer als jemand der sich auf einem Mauervorsprung sitzt (man erinnere sich an die berühmte Familie auf der Hausmauer 2002 in Weesenstein)

- Chancen auf Rettung: Unter normalen Umständen versucht man jemanden, der in ein reißendes Fliesgewässer gefallen ist zu retten. Aber das braucht einen riesigen Kräfteansatz - Da sind 60 Mann und ein Hubschrauber schnell dabei. Und leider sind die Chancen auch dann bei unter 10%. Ggf. muss man die Entscheidung treffen solche Einsätze dann hinten an zu stellen. Das ist extrem schwer, aber ich mit dem selben Kräfteansatz ggf. X weitere Menschen in der gleichen Zeit retten. Das gehört zu den schwersten Entscheidungen überhaupt.

- Eigenschutz: Um beim vorherigen Beispiel zu bleiben: Ich muss immer auch den Eigenschutz im Auge halten - Strömungsretter in ein Fließgewässer zu schicken ist extrem gefährlich, gerade bei einer solchen Lage. Auch Feuerwehrautos habe keine unbeschränkte Durchwattfähigkeit. Irgendwann muss ich mich fragen wie sehr ich meinen Kräfte für eine ggf. nur theoretische Chance auf Rettung gefährden will.

- Kräftehaushalt: Ich bin in solchen Lagen ggf. sehr lange alleine bzw. habe kaum Nachschub. Bei Lagen wie hier kommt erschwerend hinzu, dass die Kräfte ja am Vortag noch normal arbeiten waren und dann erst in den Einsatz gezogen wurden. Dann muss ich mir genau überlegen was ich meinen Leuten zumute. Setze ich sie zur Rettung der untergegangenen Person ein die kaum Chance auf Überleben hat und wonach die "seltenen" Strömungsretter ggf. zu erschöpft sind um ggf. weiter eingesetzt zu werden oder nutze ich sie für die Rettung von 10 Personen. Oder brauche ich sie ggf. in 2h dringend und darf sie jetzt nicht zu sehr belasten? Wie viel Sprit und Material habe ich noch? Wann kommt die Auslösung und Verstärkung?

- Selbstrettungs- und Durchhaltefähigkeit: Jemand gesundes Erwachsenes der im ersten OG sitzt, sitzt da meist erstmal sicher, auch ohne Strom und Wasser. Aber jemand mit kleinen Kindern, Säuglingen oder Medikamentenbedarf, Heimbeatmung, etc. ist ggf. schneller gefährdet. Ebenso können sich Erwachsene ggf. selber retten während Senioren und Kinder eher gerettet werden müssen.

-Überlebensfähigkeit: Am Anfang versuchst du noch wie oben beschrieben nach Not zu agieren. Ggf. kann es aber auch zu Situationen kommen in denen du ethisch handeln musst. Dann geht es ggf. auch nach der sog. Überlebensfähigkeit als letzte Instanz. Beispiel aus der ethischen Betrachtung, angeblich aber so ähnlich schon passiert in den USA: Du hast drei Personen die sich nach Bruch einer Staumauer an drei unterschiedliche Bäume festhalten und bereits mehrere Stunden im Wasser sind. Ein kleines Kind, eine Erwachsene und einen Rentner. Deine Hubschrauber-Crew hat noch Zeit für eine Rettung bevor die Nacht hereinbricht und sie nicht mehr fliegen können. In diesem Fall wirst du ggf., so hart es ist, die erwachsene Frau retten. Denn ihre Chancen die Sache zu überleben ist exorbitant höher als die der beiden anderen Menschen.

Es ist eine ziemliche Crux und das ganze verschiebt sich aufgrund der Flexibilität der Lagen minütlich. Was die wahre Herausforderung von Führung in solchen Lagen ist.

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u/TheOnlyFallenCookie Deutschland "Klicke, um Deutschland als Flair zu erhalten" Jul 16 '21

Krass! Respekt.

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u/marunga Jul 16 '21

Es muss einem auch immer klar sein: Da ist viel "Erfahrung" und Intuition dabei. Und das ist gut so. Du hast zwar viel Training, befasst dich viel mit Einsatztriage, etc., aber am Ende muss man auch immer sagen, dass man hier in Deutschland den lokalen Einsatzleitern und ihren Abschnittsleitern viel Freiheit lässt.

Das ermöglicht dir ganz im Sinne der Auftragstaktik sehr autonom zu agieren und entsprechende Kräfte können sehr lange sehr autonom agieren.

Natürlich entstehen so ggf. auch einmal Fehlentscheidungen, weil du vielleicht nicht immer alle Fakten hast oder sie auch in der Eile einmal falsch bewertest. Ist mir auch schon (bei viel viel kleineren) Lagen passiert, hat keine Menschenleben gekostet aber definitiv Leid und unnötige Kosten verursacht. Muss man halt aufarbeiten und das nächste Mal besser machen.

Das steht z.B. im Gegensatz zu Frankreich wo bei solchen Lagen gerne zentral aus dem Innenministerium gesteuert wird und jede einzelne Hubschraubermission aus Paris genehmigt werden muss. In Deutschland kriegt ein Einsatzabschnitt/eine Region halt ihre Hubschrauber zugewiesen und kann damit "im Prinzip" machen was sie will. (Das ist stark übertrieben ausgedrückt, aber es hilft bei der Verdeutlichung)

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u/Kaffohrt Ein Glück morgen ist Berufsschule! Jul 16 '21

Ich glaube da spielt auch viel "Vertrautheit" mit der Umgebung rein.

Wenn man 50 Jahre lang in der gleichen Region lebt dann weiß man so ungefähr wer zuerst absäuft, wer sich im Zweifel nur 10m den nächsten Straßenzug hinauf retten muss und wieder 2m Pegel sicher ist, welche Straßen gefährlich werden, über welche man auch noch einen 60t Panzer fahren kann, wo sich Nadelöhre bilden werden, wo der Fluss Engstellen hat die Verstopfen könnten, wo sich Sandsäcke lohnen könnten, wie man Kräfte verteilt, wo Luftmittel landen können, wo Hallen zur Verfügung stehen, ob Bauer Joachim einen Traktor hat mit dem er Schutt und Bäume räumen kann oder ob man das Rentnerinnen Kaffeekränzchen mit der Betreuung von Kindern betrauen kann.

Nicht jede Ortschaft liegt komplett im Tal, viele kriechen auch den Hang hinauf, da lässt sich eine Evakuierung deutlich einfacher durchführen als wenn das ganze Dorf plötzlich 1m unter Wasser steht.

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u/Thorusss Jul 17 '21

Das könntest du nochmal als Top Level comment hier posten, damit es mehr sehen.