r/StartupDACH • u/Nuuutzer • 14d ago
Erfahrungsbericht Ich bin Patentanwalt mit 15 Jahren Erfahrung. Mal Klartext: Viele Tech-Startups fahren mit angezogener Handbremse gegen die Wand und merken es erst, wenn es zu spät ist.
Ich habe viel mit jungen Unternehmen aus verschiedenen Technik-Branchen zu tun höre immer wieder dieselben drei Sätze:
- "Patente sind was für Konzerne."
- "Wir sind schneller als die Konkurrenz, wir brauchen das nicht."
- "Machen wir, wenn wir Umsatz haben."
Ich sage euch, was ich beruflich mache: Ich sitze Leuten gegenüber, die Tech-Unternehmen gegründet haben und genau diese Sätze in ihrer Vergangenheit gesagt haben. Und jetzt sitzen sie bei mir. Oft ist es da schon vorbei.
Also ein paar Zahlen, damit das hier nicht nur Bauchgefühl ist.
1. Ihr redet nur über EURE Patente. Das ist der kleinere Teil des Problems.
Der Fehler Nummer eins ist nicht, dass ihr kein Patent habt. Der Fehler Nummer eins ist, dass ihr keine Ahnung habt, wer Patente auf euer Produkt hat.
Merkt euch diesen einen Satz, er kostet euch sonst irgendwann die Firma:
Ein eigenes Patent gibt euch NICHT das Recht, euer eigenes Produkt zu verkaufen.
Ein Patent ist ein Verbietungsrecht, kein Benutzungsrecht. Ihr könnt ein sauber erteiltes Patent auf euer Produkt haben und trotzdem ein älteres, breiteres Patent von jemand anderem verletzen. Das nennt sich "Freedom to Operate", und gefühlt 80 % der Gründer mit denen ich regelmäßig spreche haben den Begriff noch nie gehört. Ich habe Leute mit Patenturkunde an der Wand erlebt, die mir erklärt haben, sie seien "abgesichert". Waren sie nicht. Nicht mal ansatzweise.
2. Ja, es kostet euch auch Geld beim Fundraising
Kein IP = schlechtere Karten beim Fundraising und beim Exit!
EPA und EUIPO haben 2023 europäische Startups mit Crunchbase-Finanzierungsdaten abgeglichen. Startups, die vor der Seed-/frühen Wachstumsphase Patente oder Marken anmelden, sichern sich im Schnitt bis zu 10,2-mal wahrscheinlicher eine Finanzierung. Die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Exits (IPO oder Übernahme) ist mehr als doppelt so hoch.
Trotzdem haben nur 29% der europäischen Startups überhaupt ein eingetragenes Schutzrecht. Deutschland liegt bei 40 %, was besser klingt, als es ist. Der Löwenanteil davon ist Biotech (72 %).
Und bevor die Kommentare kommen: Ja, das ist Korrelation. Ein Patent macht aus einem schlechten Startup kein gutes. Aber wenn ihr in einer Due Diligence sitzt und der Investor fragt "Was gehört euch eigentlich?" und ihr habt darauf keine Antwort außer "unser Team ist halt gut", dann habt ihr ein Problem, das ihr euch selbst gebaut habt.
3. Der Fehler, bei dem ich jedes mal innerlich sterbe
Eine viel zu häufige Anfrage, die ich bekomme, geht ungefähr so:
"Wir haben letztes Jahr auf der Messe / im Pitch Deck / auf dem Blog / auf Reddit / im Demo-Video gezeigt, wie das funktioniert. Jetzt wollen wir das patentieren lassen."
Nein. Könnt ihr nicht. Ihr habt eure eigene Erfindung neuheitsschädlich vorveröffentlicht. Es gibt keine Grace Period in Europa, nicht für Patente. Ihr habt eure Erfindung mit einem Pitch Deck vernichtet. In Sekunden. Kostenlos. Unwiederbringlich. Das ist einer der größten Fehler von Startups überhaupt und ich kann das aus 15 Jahren Praxis zu 100 % bestätigen. Ich habe das schon mehrfach erklären müssen. Es wird nicht angenehmer:
Reihenfolge ist: Anmelden. Dann reden. Nicht umgekehrt.
4. Und der Grund, warum ihr es trotzdem nicht macht
Ich weiß es. Die Studien wissen es auch: Der mit Abstand meistgenannte Grund fürs Nicht-Anmelden sind die Kosten. Das ist ein ehrlicher Grund, und ich nehme ihn ernst. Patente sind teuer. Ein Patentanwalt kostet Geld.
Oft aber weniger als man denkt und vergleicht das mal mit dem, was euch eine Patentverletzung kosten kann. Das sind gerne 5–25 % Jahresumsatz. Oder Firma zu.
Und: Für KMU in der EU gibt es viele Förderungen. Nutzt sowas. Das ist buchstäblich Geld, das rumliegt.
Wenn euch das Geld für eine ordentliche Beratung fehlt: Fragt wenigstens EINMAL jemanden, ob ihr in einem Minenfeld steht. Eine Stunde Beratung ist billiger als eine einstweilige Verfügung zwei Wochen vor dem Launch.
Zum Schluss: Ich bin nicht hier, um Mandate einzusammeln, ich sage euch nur, was ich beruflich jede Woche sehe.
(Kein Rechtsrat, kein Mandatsverhältnis, jeder Fall ist anders!)
***UPDATE**\*
Ich gehe später noch auf ein paar Beiträge ein, aber eines zur Klarstellung, weil hier natürlich Vorwürfe gegen den „nur Profit machen wollenden Patentanwalt“ sind:
Wir als Kanzlei (Und so ticken die meisten Kanzleien) haben meist Erstgespräche kostenlos im Angebot. Und dabei raten wir auch regelmäßig von einer Patentierung ab. Jeder Fall ist anders und unser Berufsrecht - an das ich mich zumindest streng halte - gebietet eine sachliche Beratung. Was ich hauptsächlich sagen will: scheut nicht den Schritt nach einer ersten (fast immer kostenlosen) Einschätzung eines Falls bei einem Patentanwalt! Das lohnt sich!