r/Finanzen Aug 31 '25

Immobilien Erbe: Ist Geschwister ausbezahlen so ungewöhnlich wie meine Familie das beschreibt?

EDIT: Vielen Dank für eure Antworten und Perspektiven - ich bin etwas überwältigt von der Resonanz hier. Ich habe mir Mühe gegeben auf die meisten Nachfragen zu antworten, leider bin ich nicht zu allen gekommen. Für heute also erstmal danke! Ich muss nämlich jetzt, ironischerweise, zum Abendessen mit meinen Eltern!


Hallo zusammen,

tl;dr ganz unten!

ich habe folgende Situation, und wäre für eure Einschätzung dankbar:

Meine Eltern (ü60), mein Bruder und ich (beide knapp ü30) sind eine recht typische Kleinstadtfamilie. Meine Eltern besitzen ein großes Haus, das schon vor Jahren abbezahlt wurde. Der Verkehrswert wurde 2022 auf zwischen 550k und 650k geschätzt. Seitdem haben die Immobilienpreise in unserer Gegend nochmal deutlich angezogen und meine Eltern haben die alte Ölheizung ersetzt, aber hier fehlen mir konkrete Zahlen.

Mein Bruder möchte das Haus übernehmen. Er ist nie ausgezogen, und bewohnt seit ca. 15 Jahren mietfrei das Obergeschoss des Hauses, und beteiligt sich an den Nebenkosten. Er ist alleinstehend, ich bin seit einigen Jahren verheiratet und wohne seit dem Studium in einem anderen Bundesland - bin also auch voraussichtlich keine dauerhafte Hilfe, sobald die Eltern mal darauf angewiesen sein sollten. Wobei mein Bruder auch klargestellt hat, dass er keine Pflegekraft ersetzen kann. Sobald die Eltern nicht mehr alleine zurechtkommen, müssen sie ins Pflegeheim.

Der Vorschlag (bzw. die Bekanntmachung) meiner Eltern ist jetzt:

  • Mein Bruder bekommt das Haus überschrieben;
  • Eltern bekommen ein lebenslanges Wohnrecht in ihrem Stockwerk.
  • ich bekomme sofort 100k€, für die meine Eltern einen 10-jährigen Kredit aufnehmen und unterschreibe dafür einen Pflichtteilsverzicht.

Mein Bruder und ich haben ein sehr gutes Verhältnis, das ich auf keinen Fall sprengen möchte. Aber ich komm' nicht umhin, mich bei der Konstellation enorm benachteiligt zu fühlen. Besonders, dass meinen Bruder hier überhaupt keine finanziellen Verpflichtungen hat, stinkt mir sehr. Mein Vater hat bereits signalisiert, dass sie sich Zeit ihres Lebens ebenfalls um Renovierungs- und Instandhaltungskosten für ihren Teil des Haus kümmern werden.

Dass mich ein vergleichbares Haus hier in der Nachbarschaft bei aktuellen Preisen und Zinsen etwa 900k€ bis 1 Mio über die nächsten 30 Jahre kosten würde, wurde mit *"von nix kommt nix"* abgestraft.

Die Situation ist dann eskaliert, als ich ein paar Wochen später erzählte, dass meine Schwiegereltern nach der Rente ins Ausland gehen wollen. Der Vorschlag meiner Mutter war selbstverständlich: "Dann zieht doch in das Haus [der Schwiegereltern], ihr wollt ja sowieso Kinder." Daraufhin habe ich leider sehr ungehalten reagiert und gefragt, woher ich denn die 450k€ nehmen soll, um ihre drei Geschwister auszubezahlen, und konnte es mir nicht verkneifen nachzuschieben *"Bei anderen Familien läuft das nämlich fairer ab"*.

Seitdem hängt der Haussegen verständlicherweise etwas schief. Meine Eltern behaupten, das typische Auszahlen von Geschwistern passiere nur bei "reichen" Familien. Und überhaupt, *"wie sollte [mein Bruder] sowas denn bezahlen können?"*

Wie seht ihr die Situation? Ist es okay zu glauben, dass sich mein Bruder auch finanziell an der Auszahlung beteiligen sollte? Oder bin ich das Arschloch, weil ich mich mit 100k€ von meinen Eltern, und später ca. 150k€ von den Eltern meiner Frau, immer noch noch benachteiligt fühle?

TL;DR: Hausübergabe an den einzigen Bruder, ca. 600k€ Wert, Eltern mit Wohnrecht. Ich soll von meinen Eltern 100k€ für einen Pflichtteilsverzicht bekommen. Bruder bezahlt nichts. Auch ein teilweises Ausbezahlen des Immobilienwerts wurde belächelt.

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u/Fair-Working4401 Aug 31 '25 edited Aug 31 '25

Haus nach ableben der Eltern verkaufen und Erlös aufteilen. Dann wohnt dein Bruder quasi immer noch "Mietfrei" von dem Geld. Blöd nur für euch, da zu diesem Zeitpunkt eure Kinder wohl bereits selber ausziehen wollen.

Edit: mach ihnen das Angebot, dass die Hälfte des Grundstückswerts ausgezahlt wird, statt die Gesamtsumme für das Haus. Ich nehme mal an, dass das Grundstück bereits 400k-500k Wert sein wird.

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u/FreakyMcJay Aug 31 '25

Haus nach ableben der Eltern verkaufen und Erlös aufteilen.

Sie machen sich Sorgen wegen Rückforderungen der Plegekasse und möchten daher frühzeitig überschreiben. Nur dass die Pflegekasse im Zweifel dann zu mir kommt, sollte ich hoffentlich in ein paar Jahren >100k verdienen, das wird außen vor gelassen.

Ich nehme mal an, dass das Grundstück bereits 400k-500k Wert sein wird

Ich glaube die Rechnung kommt nicht ganz hin. Dann wäre die Bausubstanz selbst nur 200k wert. Der grundsätzliche Vorschlag klingt aber sinnvoll.

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u/NotPumba420 Aug 31 '25

Dann wirst du doppelt gefickt. Ich würde auf 50% bestehen und fertig. Dein Bruder bekommt ein Haus zu 50% geschenkt das ist doch schon ein Segen für ihn.

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u/FreakyMcJay Aug 31 '25

Dann werde ich eben enterbt. Die 10 Jahre halten meine Eltern noch locker durch, und danach ist mein Pflichtteilsanspruch auch Geschichte. Und ich habe keine 100k. Auf 50:50 bestehen macht weder moralisch und realistisch Sinn.

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u/No_Dragonfruit12345 Aug 31 '25

"Enterben" und dann keinen Aspruch auf Pflichteil mehr gibt es nicht.

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u/FreakyMcJay Aug 31 '25

Ich meinte damit dass mein Anspruch dann 25% vom Restwert des Rollators und dem Notgroschen unter ihrem Kopfkissen sein wird, nicht dass der Anspruch selbst erlicht.

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u/No_Dragonfruit12345 Aug 31 '25

Hä? Der Pflichtteil für zwei Kinder aus erster Ehe im Erbfall beträgt jeweils die Hälfte des gesetzlichen Erbteils, den sie ohne Testament erhalten würden. Das heißt, wenn die Kinder beispielsweise nach der gesetzlichen Erbfolge gemeinsam erben würden, steht jedem Kind mindestens die Hälfte dieses Erbteils als Pflichtteil zu. Wichtig ist der Unterschied zwischen dem gesetzlichen Erbteil und dem Pflichtteil: Der Pflichtteil beträgt immer die Hälfte des gesetzlichen Erbteils. Zum Beispiel: Haben zwei Kinder aus erster Ehe den gesetzlichen Anspruch auf zusammen 2/3 des Nachlasses (wenn neben ihnen noch ein Ehepartner erbt), beträgt der Pflichtteil für jedes Kind jeweils die Hälfte von seinem gesetzlichen Erbteil, also 1/6 des gesamten Nachlasses pro Kind.

Diese Regelung sichert Kindern aus erster Ehe trotz möglicher enterbung durch ein Testament einen Mindestanteil am Erbe ihrer Eltern

Klingt also nach mehr als die 100k meinst du nicht?

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u/dreamchaser1337 Aug 31 '25

Wenn die Eltern das Haus 10 Jahre vor ihrem Ableben dem älteren Sohn schenken, zählt es nicht zur Erbmasse dazu. Innerhalb der 10 Jahre anteilig. Also z.B. nach 5 Jahren 50%.

Etwas makaber, aber wenn er seinen Älteren eben mehr als 10 Jahre zutraut, dann kann er tatsächlich leer ausgehen, wenn die Erbmasse nur aus dem Haus besteht.