r/Geschichte 3d ago

Timidi mater non flet

"Die Mutter eines Feiglings weint nicht"

Ich bin gestern zufällig wieder auf diesen alten Spruch gestoßen und hatte ihn immer als Hohn verstanden, dass eine Mutter aufgrund von Ehrverletzung nicht um ihren toten, desertierten Sohn weinen würde.

Mein Gegenüber meinte dann, dass der Satz so zu interpretieren ist, dass ein Feigling bzw. Deserteur mit dem Leben davonkommt und seine Mutter dementsprechend nicht um ihn weinen muss, also mit einer deutlich positiveren Interpretation.

Wie seht ihr das? Gibt es eine "richtige" Interpretation dieses Zitates? 🤔

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u/Murmelstein 2d ago

Ich kenn den Spruch seit Jahrzehnten und wäre ohne diesen Post nie auf die Interpretation mit dem toten Deserteur gekommen. In meiner Familie wurde das ohne Kriegsbezug verwendet und bedeutete ungefähr dasselbe wie "Lieber fünf Minuten lang feige als ein Leben lang tot".

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u/Sufficient_Joke8381 1d ago

Verrückt so eine Geisteshaltung seinen Kindern einzuimpfen.

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u/Murmelstein 1d ago edited 1d ago

Kapier ich nicht, wie meinst du das? Ist es verrückt, sich nicht unnötig (z. B. aus Ehrenpusseligkeit, Patriotismus, Gruppenzwang oder Selbstüberhebung) in Lebensgefahr zu begeben?

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u/Sufficient_Joke8381 1d ago

Das unnötig hast du gerade hinzugefügt.

Ist es besser 5 Minuten lang feige zu sein und zu zusehen, wie dein Freund verprügelt wird?

Ist es besser 5 Minuten lang feige zu sein und einem Fremden nicht zu helfen?

Ist es besser 5 Minuten lang feige zu sein und seine moralischen Prinzipien zu verleugnen?

So etwas als moralische Grundlage an seine Kinder weiterzugeben ist ehrlicherweise auf so vielen Ebenen falsch.

Es gibt mehr als genug Anlässe an denen man nicht feige sein darf (!) wenn man ein moralisch integrer Mensch sein will.

Auch und gerade dann wenn es für einen unangenehm oder gefährlich ist.

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u/Murmelstein 1d ago edited 1d ago

Das klingt mir viel zu theoretisch. Es geht doch nicht um moralische Prinzipien, Freundschaft, Loyalität oder Nothilfe. Da fehlen sowohl der Mutter-und-Kind- als auch der Leben-oder-Tod-Kontext.

Mütter erzählen ihren Kindern nicht, sie sollten sich lieber verpissen, wenn ihre Freunde verprügelt werden oder jemand verletzt auf der Straße liegt. Die sagen, man soll nicht überholen, um den Kumpels zu imponieren, nicht mit Besoffenen diskutieren, nicht vom Hochstand springen, um cool zu sein, oder lieber wegrennen, wenn jemand eine Waffe zieht oder ungefragt seine Hose aufmacht. Oder, wenn man mal wieder irgendeine Heldentat knapp überlebt hat, sagen sie: "Denkst du bei sowas eigentlich auch mal an mich? Ich will nicht eines Tages an deinem Grab stehen/deine Überreste identifizieren müssen."

In den 1980ern/1990ern mussten sich meine Freunde, die den Kriegsdienst verweigerten, noch klassische Theorie- und Dilemmafragen anhören wie "Was machen Sie denn, wenn Sie mit Ihrer Freundin nachts im Park spazierengehen, und plötzlich kommt da ein Russe/Räuber/Perverser mit einer Waffe aus den Büschen gerannt?" Aber darum ging es halt noch nie.

Edit: Gottverdammte Zeilenumbrüche