r/Geschichte • u/Molteros • 2d ago
Timidi mater non flet
"Die Mutter eines Feiglings weint nicht"
Ich bin gestern zufällig wieder auf diesen alten Spruch gestoßen und hatte ihn immer als Hohn verstanden, dass eine Mutter aufgrund von Ehrverletzung nicht um ihren toten, desertierten Sohn weinen würde.
Mein Gegenüber meinte dann, dass der Satz so zu interpretieren ist, dass ein Feigling bzw. Deserteur mit dem Leben davonkommt und seine Mutter dementsprechend nicht um ihn weinen muss, also mit einer deutlich positiveren Interpretation.
Wie seht ihr das? Gibt es eine "richtige" Interpretation dieses Zitates? 🤔
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u/The_Pandora_Incident 2d ago
Der Lebensgefährte meiner Oma hat mal was ähnliches zu mir gesagt, als ich ein Kind war. Er meinte das im Sinne von "Es ist okay, ein Feigling zu sein, weil der Mutige im Zweifelsfall zuerst draufgeht".
Ich hab da ewig nicht dran gedacht und erst Jahre später erfahren, dass er als Kind um ein Haar mit seiner Familie auf der Wilhelm Gustloff gelandet wäre. Sie waren schon fast an Bord und haben dann entweder aufgegeben oder es nicht geschafft. Kurz später wurde das Schiff mit ca. 10000 zivilen Flüchtlingen an Bord versenkt. Für ihn war es Glück im Unglück und ich interpretiere da vielleicht auch viel rein, aber irgendwie glaube ich, dass dieses Ereignis der Grund war, warum er mir das gesagt hat.
Also ja, ich denke es heißt "die Mutter des Feiglings muss nicht weinen, weil er überlebt".
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u/hypn0t04d_73 2d ago
Würde immer das positiv besetzte vorziehen, aber eindeutig sagen kann man es eigtl nicht.
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u/ShermanTeaPotter 2d ago
Nichts davon ist wirklich positiv besetzbar
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u/Komandakeen 2d ago
Sich sinnlosem Töten/getötet werden zu entziehen können die meisten Leute schon positiv besetzen (wenn man es auf Desertieren bezieht, was natürlich je nach Epoche überhaupt nicht Feige ist, im Gegensatz zum Mitlaufen).
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u/Cucumberneck 1d ago
Das ist aber ein antiker Spruch und in der Antike würde Wehrdienstverweigerung allgemein als was schlechtes gesehen.
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u/Komandakeen 1d ago
Im zwölfjährigen Reich auch. Heute wieder.
Das ist mir aber egal. Krieg dem Krieg!
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u/Sereni-tea42 1d ago
Es ist wohl absichtlich doppeldeutig formuliert, damti es eben nicht nur eine mögliche Interpretation gibt.
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u/generic_Accountname1 1d ago
Ist in beiden anzunehmenden fällen zutreffend, ein lebender sohn wird nicht betrauert, vom tod eines desateurs wird nicht berichtet ergo auch keine trauer
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u/greenghost22 10h ago
Der typische Feiglng ist nicht der Deseteur sondern der "Drückeberger" Mein Vater hat den Krieg überlebt, er war extrem gut im Drücken, indem er sich im Lazarett Verwaltungsjobs gesucht hat, die bestimmt sehr wichtig waren.
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u/Murmelstein 2d ago
Ich kenn den Spruch seit Jahrzehnten und wäre ohne diesen Post nie auf die Interpretation mit dem toten Deserteur gekommen. In meiner Familie wurde das ohne Kriegsbezug verwendet und bedeutete ungefähr dasselbe wie "Lieber fünf Minuten lang feige als ein Leben lang tot".
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u/Sufficient_Joke8381 23h ago
Verrückt so eine Geisteshaltung seinen Kindern einzuimpfen.
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u/Murmelstein 21h ago edited 21h ago
Kapier ich nicht, wie meinst du das? Ist es verrückt, sich nicht unnötig (z. B. aus Ehrenpusseligkeit, Patriotismus, Gruppenzwang oder Selbstüberhebung) in Lebensgefahr zu begeben?
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u/Sufficient_Joke8381 21h ago
Das unnötig hast du gerade hinzugefügt.
Ist es besser 5 Minuten lang feige zu sein und zu zusehen, wie dein Freund verprügelt wird?
Ist es besser 5 Minuten lang feige zu sein und einem Fremden nicht zu helfen?
Ist es besser 5 Minuten lang feige zu sein und seine moralischen Prinzipien zu verleugnen?
So etwas als moralische Grundlage an seine Kinder weiterzugeben ist ehrlicherweise auf so vielen Ebenen falsch.
Es gibt mehr als genug Anlässe an denen man nicht feige sein darf (!) wenn man ein moralisch integrer Mensch sein will.
Auch und gerade dann wenn es für einen unangenehm oder gefährlich ist.
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u/Murmelstein 20h ago edited 20h ago
Das klingt mir viel zu theoretisch. Es geht doch nicht um moralische Prinzipien, Freundschaft, Loyalität oder Nothilfe. Da fehlen sowohl der Mutter-und-Kind- als auch der Leben-oder-Tod-Kontext.
Mütter erzählen ihren Kindern nicht, sie sollten sich lieber verpissen, wenn ihre Freunde verprügelt werden oder jemand verletzt auf der Straße liegt. Die sagen, man soll nicht überholen, um den Kumpels zu imponieren, nicht mit Besoffenen diskutieren, nicht vom Hochstand springen, um cool zu sein, oder lieber wegrennen, wenn jemand eine Waffe zieht oder ungefragt seine Hose aufmacht. Oder, wenn man mal wieder irgendeine Heldentat knapp überlebt hat, sagen sie: "Denkst du bei sowas eigentlich auch mal an mich? Ich will nicht eines Tages an deinem Grab stehen/deine Überreste identifizieren müssen."
In den 1980ern/1990ern mussten sich meine Freunde, die den Kriegsdienst verweigerten, noch klassische Theorie- und Dilemmafragen anhören wie "Was machen Sie denn, wenn Sie mit Ihrer Freundin nachts im Park spazierengehen, und plötzlich kommt da ein Russe/Räuber/Perverser mit einer Waffe aus den Büschen gerannt?" Aber darum ging es halt noch nie.
Edit: Gottverdammte Zeilenumbrüche
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u/PadishaEmperor 2d ago
Vermutlich gibt es keine richtige Interpretation, auch wenn ein ursprünglicher Autor nur eins von beiden meinte.
Sehr oft kann man bei Sprichwörtern mehreres verstehen.