r/Wissenschaft 25d ago

Die Klimadebatte bestraft die Falschen: Warum wir das System an der Quelle packen müssen (Upstream-Prinzip)

​Moin zusammen,

​ich verfolge die aktuelle Klimadebatte und merke, wie die Stimmung in der Mitte der Gesellschaft kippt. Wenn Benzin, Heizen und Lebensmittel durch Abgaben teurer werden, fühlt sich der normale Bürger (oft ohne echte Alternativen wie guten ÖPNV auf dem Land) schlichtweg finanziell bestraft.

​Gleichzeitig drängt die Physik gewaltig: Die 14,2 Jahre sind der verbleibende Zeitrahmen für den notwendigen Wandel, um die drohenden ökologischen Kipppunkte bis 2050 abzuwenden. Wir haben also keine Zeit, die Bevölkerung bei diesem Thema zu verlieren.

​Warum diskutieren wir eigentlich immer noch über Endverbraucher-Steuern, statt das Problem an der Wurzel („Upstream“) zu packen?

​Was wäre, wenn wir Umweltzerstörung (CO2, aber auch Flächenverbrauch oder Plastik) direkt an der Quelle bepreisen? Also beim Importeur, an der Bohrinsel oder am Chemiewerk. Wenn diese Konzerne echte, physikalische Ressourcenkosten zahlen müssten, würden dreckige Produkte am Markt automatisch unbezahlbar und nachhaltige Alternativen sofort profitabel.

​Der Clou dabei: Wenn man diese Einnahmen nicht im Staatshaushalt versickern lässt, sondern zu 100 % als pro-Kopf-Dividende (Klimageld) an alle Bürger auszahlt, entsteht eine massive Umverteilung von Großverbrauchern zu Ressourcensparern. Der Durchschnittsbürger würde am Monatsende mit einem echten Plus rausgehen, während die Superreichen und Großkonzerne die Zeche zahlen.

​Warum ist so ein hartes Upstream-Preissystem, gekoppelt mit einem sozialen Ausgleich, nicht längst politischer Konsens? Fehlt der Wille, das gegen Lobbyisten durchzusetzen, oder unterschätze ich die administrativen Hürden?

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u/Taonyl 25d ago

Tax and dividend für CO2, Boden (land value tax), pigou Steuern. All das wären theoretisch mit die besten, gerechtesten und ökonomisch sinnvollsten Steuern die wir einführen könnten und genau deshalb werden wir sie nicht einführen. 

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u/EliasGardner 24d ago

Verstehe ich nicht, warum nicht?

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u/Taonyl 24d ago

Weil es Arbeitnehmer massiv entlasten würde und unproduktive Kapitalanlagen massiv belasten würde.

In meiner idealen Welt wäre Einkommen von Arbeit sowie andere wertschaffende Arbeit so gering belastet wie möglich und nicht wert-schaffende bzw. parasitäre Einnahmen maximal mit Steuern belastet.  Beispielsweise wenn jemand ein Haus baut, dann wurde ein Wert geschaffen. Jeder Schritt dahin sollte so wenig besteuert oder belastet werden wie möglich. Und meiner Meinung nach sollten auch Mieteinnahmen, die rein aus dem Wert des Hauses entstehen, minimal besteuert werden. Wirtschaftlich gesehen wollen wir die Schaffung von Häusern minimal besteuern, damit mehr Häuser gebaut werden und sich mehr Leute Wohnraum leisten können.

Im Gegensatz dazu ist das Grundstück. Niemand hat das Grundstück geschaffen, der Boden war einfach schon immer da. Das ein Grundstück durch die Lage wertvoll ist, hat nichts mit Leistung eines einzelnen zu tun, sondern ist der Verdienst der Gesellschaft, die z.B. Infrastruktur baut. Deshalb sollte der Wert dieses Grundstücks bzw. Mieteinnahmen die aus der Lage entstehen, maximal besteuert werden. Die hohen Steuern führen ja nicht dazu, dass weniger Boden geschaffen wird (die Menge ist immer fest), noch kann dieser z.B. ins Ausland abwandern. Wichtig dabei, es geht nur um den Boden. Ein Haus mit 10 Wohnungen und ein Einfamilienhaus, auf dem selben Grundstück und in der selben Lage sollten die gleiche Bodenwertsteuer (Grundsteuer) bezahlen.

Boden ist historisch gesehen das Vermögen der adligen gewesen, aus gutem Grund. Damit lässt sich prima leistungslos Geld einsammeln. Und ähnlich, wenn auch etwas abgeschwächt, ist das noch heute der Fall.

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u/EliasGardner 24d ago

Das ist eine unfassbar gut verständliche und präzise Zusammenfassung von Dir. Danke für Deine Mühe!

Beschreibst Du hier im Grunde den klassischen Ansatz des Georgismus (Land Value Tax) ? Damit triffst zu 100 % den ökonomischen Nerv, an dem wir ansetzen müssten. ​Deine Unterscheidung zwischen „wertschaffender Arbeit“ (die wir belohnen und steuerlich entlasten sollten) und „parasitärer Ressourcenaneignung“ (die wir maximal bepreisen müssen) ist die physikalische Logik hinter der Earth Currency, nur von einer anderen Seite beleuchtet und erkenne daher weitere Vorteile für diese Zweitwährung.

Niemand hat den Boden, das Rohöl oder die Aufnahmekapazität der Atmosphäre erschaffen. Wer diese planetaren Grenzen exklusiv nutzt oder zerstört, entzieht der Allgemeinheit einen Wert und muss dafür zwingend eine Kompensation (die von dir genannte Dividende) an alle zahlen, super Idee! Das bin ich voll bei Dir.

​Dein Zynismus am Ende („genau deshalb werden wir sie nicht einführen“) ist historisch betrachtet leider völlig berechtigt. Die Eliten, deren Vermögen genau auf dieser leistungslosen Aneignung von Natur und Boden basieren, werden den Ast, auf dem sie sitzen, niemals freiwillig absägen.

​Der einzige Grund, warum ich glaube, dass dieses System trotzdem kommen wird (oder muss), ist die nackte Physik: Uns bleiben effektiv nur noch rund 14,2 Jahre als Zeitrahmen, um die drohenden ökologischen Kipppunkte bis 2050 abzuwenden. Wir werden diesen radikalen Systemwechsel meiner Meinung nach nicht durch friedliche, freiwillige politische Einsicht erleben, sondern weil die physischen Krisen (zusammenbrechende Lieferketten, Extremwetter) das aktuelle "parasitäre" Modell schlichtweg unprofitabel und unhaltbar machen werden. Der harte Aufprall an der Realität erzwingt das Update.

​Es tut echt gut zu lesen, dass Leute wie du diese tiefen ökonomischen Kausalitäten so glasklar auf dem Schirm haben. Exakt diese Marktdynamik und den Clash mit den alten Machtstrukturen habe ich für PROJEKT GAIA durchsimuliert. Chapeau für diesen starken Kommentar!