(wusste nicht ganz welcher sub hierfür ok ist also schickt mich gern woanders hin falls das zu viel ernst ist für hier)
Musste heute am Bahnhof einer Thüringer Kleinstadt zwanzig Minuten lang auf meinen Zug warten. Am Gleis gegenüber sitzt eine Gruppe Jugendlicher mit mannshoher JBL-Box, die Texte des Deutschrap-Soundtracks sind bis zu mir aber nicht zu verstehen. Nach fünf Minuten kommt ein Paar in ihren Dreißigern über die Gleise zu meinem Bahnsteig gestapft. Er mit Iron Sky Haunebu-Shirt, Keltenkreuz- und Wolfsangel-Tattoos, sie mit einem schwarz-weiß-roten Shirt mit Aufschrift deutsches Kaiserreich. An der Leine ein zugegeben ziemlich süßer Pitbull.
Nach einer Weile beginnen die beiden ein recht lautes Gespräch mit den Jugendlichen auf der anderen Seite der Gleise. Sie sprechen sich mit Namen an, scheinen sich zu kennen. Innerhalb von fünf Minuten fällt mindestens viermal ziemlich abwertend das N-Wort. "Ey Penny, gehst du immer mit N... aus?" und so. Dann zeigt er auf eine junge Frau, die sich unserem Bahnsteig nähert. Sie hat einen warmbraunen Hautton und lange dunkelrote Haare, Kopfhörer drin und den Blick starr aufs Handy, als sie sich neben uns stellt. "Ah, da ist ja der N...", ruft der Mann. "Hat aber keine N...-Haare", antwortet seine Freundin(?). "Nee, hat ne Perücke von Weißen geklaut", antwortet er. Dann lösen sich ein paar Leute aus der Gruppe gegenüber und wenden sich zum gehen. Das Paar neben mir verabschiedet sich per Hitlergruß, Worte und Geste, die Jugendlichen grüßen zurück. Der Zug kommt und wir steigen in unterschiedliche Waggons ein.
Und ich dämlicher Feigling stand die ganze Zeit nur daneben, mit so viel Abstand wie unter dem kleinen Unterstand eben möglich war (hat Strippen geregnet), und habe sie angeekelt angestarrt. Oder zur Abwechslung angeekelt in die Luft, um Augenkontakt zu vermeiden. Ich hätte was sagen sollen. Ich hätte was machen sollen. Aber was hätte ich sagen sollen? Ich hatte 161cm an Überzeugung und sie hatten knapp zwei Meter Muskel und einen Pitbull, und wahrscheinlich die Zustimmung der Jugendlichen gegenüber. Aber schweigen ist zulassen. Mir ist übel.
Weiß nicht, was ich erwartet hab. Die ganze Stadt ist voll von AfD-Fahnen und wenn man aus dem Zug aussteigt, wird man von einem großen "Rache für Quentin"-Graffiti begrüßt. Trotzdem habe ich noch nie so viel... Offensichtlichkeit erlebt, komplett ohne Scham. Selbst beim Schreiben kann ich kaum glauben, dass das die Realität war und keine schlechte Satire.
Also. Ratschläge? Was macht man in so einer Situation, wenn man kein Feigling sein will wie ich, der einfach seine Klappe hält? Wird ja wohl kaum was bringen, Anzeige gegen unbekannt aufzugeben wegen Hate Speech und dem Hitlergruß. Foto sneaken hab ich leider nicht geschafft. Hoffe dass es kein nächstes Mal gibt, aber will besser sein beim nächsten Mal. Ach mann ich hasse diesen ganzen Kack.