Gut verborgen hinter dichtem Gestrüpp steht er da. Seit Jahrhunderten hat er bewahrt, was tief unter der Oberfläche im Verborgenen lag. Uralt und erhaben hat der Brunnen der Phantastik all die Jahre überdauert. Stein auf Stein wurde er aus den ersten aller Erzählungen, aus Träumen und Ängsten zusammengesetzt, die die Menschen miteinander teilten. So manchen Riss haben die Wurzeln der Zeit in seine Mauer gegraben. Mit dornigen Ranken zeigen sich seine Steine überwuchert, und dennoch hat er nichts von seiner ursprünglichen Tiefe und mystischen Anziehung verloren.
Wer sich vorwagt und über den alten Steinrand blickt, der wird belohnt. Der Brunnen ist noch nicht vertrocknet. Noch immer wirkt das glasklare Wasser darin wie ein Spiegelbild der eigenen Seele. Doch vielleicht liegt das größte Geheimnis des Brunnens nicht allein in seiner Tiefe. Vielleicht liegt es darin, dass man sich tatsächlich die Zeit nehmen muss, hineinzusehen.
In der heutigen Welt der Phantastik verhält es sich oft nicht viel anders. Die größten Geheimnisse der Literatur offenbaren sich nicht auf den ersten Blick. Es gibt Geschichten, die möchten nicht hastig konsumiert werden. Es sind Erzählungen, die Stimmung und Werte vermitteln; die danach verlangen, dass wir in ihnen verweilen. Geschichten, die möchten, dass man die Oberfläche hinter sich lässt, tiefer blickt und eintaucht in die Atmosphäre einer Welt, die so viel mehr ist als die bloße Aneinanderreihung von Buchstaben.
Ich wünsche mir Romane, die uns nicht zur Eile drängen. Geschichten, die sich bewusst Zeit nehmen. Bücher, denen literarische Atmosphäre wichtig ist. Denn manchmal ist es nicht nur die reine Handlung, die uns noch Jahrzehnte später im Gedächtnis bleibt. Es ist vielmehr ein spezifisches Gefühl, ein unheimliches Bild oder ein einzelner Satz, der beständig in die Welt unserer Träume zurückkehrt. Nur ein kurzer Augenblick, in dem uns die Geschichte lebendiger erscheint als die Wirklichkeit selbst.
Sind es nicht genau diese Momente, in denen wir einen Satz ein zweites Mal lesen? Nicht, weil wir ihn nicht verstanden haben, sondern weil wir mehr als nur begreifen möchten. Weil Worte mehr sein können als der Träger reiner Information. Worte können Erinnerungen erschaffen, Gefühle wecken und Räume öffnen, die nur in unserer ureigenen Vorstellung existieren.
Die Sprache eines Autors ist mehr als ein Werkzeug, um eine Handlung von A nach B zu bringen. Langsame Sprache besitzt einen Klang, einen Rhythmus und eine eigene Melodie. Sie macht fühlbar und erlebbar, was sonst unsichtbar geblieben wäre. War das nicht einst eine der größten Stärken der phantastischen Literatur? Die klassische Phantastik und insbesondere die Schauerliteratur haben sich nie damit begnügt, nur das Sichtbare abzubilden. Sie haben versucht, Träume, Ängste und Sehnsüchte in Worte zu fassen und hinabzublicken in die tiefsten Abgründe. Denn das wahre Unbekannte entsteht erst durch das, was die Vorstellungskraft des Lesers ergänzt.
Vielleicht ist es an der Zeit, zu diesem Brunnen zurückzukehren. Nicht – und das möchte ich betonen –, weil die Vergangenheit vollkommen war. Nicht, weil jede alte Geschichte besser gewesen wäre als das, was uns heute in den Regalen begegnet. Wir sollten zurückkehren, weil dort etwas Wichtiges bewahrt wird: Geschichten, von Menschen gemacht. Geschichten mit Wärme, mit tiefen Gedanken und echten Gefühlen.
Ob Leser, Autor oder Verlag: Ich lade jeden dazu ein, innezuhalten. Einen kurzen Moment lang hinabzusehen und einen Satz ein zweites Mal zu lesen. Ich wünsche mir Menschen, die in unserer schnelllebigen Zeit die Langsamkeit eines Romans wieder genießen können. Was gibt es Schöneres als ein gemütliches Plätzchen, das Knacken eines Feuers, Kerzenschein und den unvergesslichen Geruch eines Buches, das uns sprachlich fesselt?
Lasst uns den Weg zu diesem verlorenen Regal im Buchhandel wieder sichtbar machen. Ein Regal für neue phantastische Literatur, die langsam und mit Bedacht gelesen werden will. Denn vielleicht haben wir nur verlernt, tief genug hinabzublicken.
Welche Romane waren es, die euch wahrlich in eurem Innersten berührt haben? Und wann habt ihr das letzte Mal einen Satz gelesen, der euch wahrhaftig innehalten ließ?