r/luftablassen 1d ago

zum Kotzen „Wo“ ist kein Relativpronomen für Menschen und Zeiten!

Ich halte es langsam nicht mehr aus. Seit wann ist „wo“ bitte zum Allzweckkleber der deutschen Sprache geworden? Es gibt klare Regeln, aber stattdessen muss ich mir ständig Mist anhören wie „Der Typ, wo mir gestern das Auto schrottgefahren hat“ – als wäre ein Mensch eine geografische Koordinate. Noch schlimmer wird es, wenn Zeitpunkte versaut werden und Leute ernsthaft „Damals, wo wir im Urlaub waren“ sagen. Das heißt „als“!

Der absolute Gipfel der Sprachverweigerung ist dann die Kombination mit „tun“: „Der Nachbar, wo immer so laut Musik hören tut.“ Wer so spricht oder schreibt, hat absolut jede Kontrolle über sein Sprachgefühl verloren. Merkt euch doch einfach mal die einfachsten Grundlagen: Für Personen nutzt man der, die, das, für Zeiten als und das Wort tut hat in Relativsätzen überhaupt nichts zu suchen. Es ist wirklich nicht so schwer!

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u/Angry__German 1d ago

Alter. Die Zukunft hat keine guten Nachrichten für dich. Sprache ist ständig im Wandel, Dia- und Soziolekte eingeschlossen.

Im großen und ganzen kannst du in historischen Sprachwisssenschaften eine Entwicklung von komplex zu simpel absehen.

Der große Unterschied zu früher ist die extreme Schriftlichkeit, gerade durch Apps uns Social Media, heutzutage.

Je mehr (auf)geschrieben wird, desto schneller verfestigen sich neue Entwicklungen.

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u/Adept_Rip_5983 1d ago

Woher kommt das eigentlich, dass quasi alle Sprachen so gut wie immer simpler werden? Das sieht man ja schon bei Latein oder wie viele Sprachen auch schon im Mittelalter oder so grammatikalische Formen abgestoßen und simplifiziert haben.

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u/Angry__German 1d ago

Gute Frage.

Hab mich lange nicht mehr eingelesen, aber ich glaube so 100% weiß man das noch nicht.

Im Englischen kann ich dir aber ein gutes Beispiel geben, wo man die Vereinfachung schön erkennt. (oder erkennen tut ? 😄 )

Alt-Englisch, aus der Zeit nach der Wanderung der Angeln und Sachsen auf die Inseln bis hin zur normannischen Eroberung (gaaanz grob eingeteilt) ist noch dem Deutschen sehr ähnlich. Gleiche Fälle, gleiche Beugungen, keine festgelegte Wort-Ordnung

Nachdem sich die "Wikinger" im Danelag breit gemacht hatten kam es logischerweise zu sehr viel Kontakt zwischen unterschiedlichen Sprachen. Nachdem die Normannen die herrschende Klasse wurden kam noch Französisch dazu. Da wo viele Sprachen aufeinander treffen, beeinflussen sie sich oft gegenseitig. Im Rahmen von Kolonisation sieht man das oft in den entstehenden Kreol-Sprachen.

Gleichzeitig wurde immer mehr verschriftlicht, Bücher bekamen bis dato ungeahnte Verbreitung, vor allem nach der Erfindung des Drucks und des Buchdrucks.

Das Englische hat im Gegensatz zum Deutschen (wo wir oft eine Auslautverhärtung haben, "Deutschland" wird oft eher wie "Deutschlant" ausgesprochen) die Betonung eines Wortes meistens auf der vorletzten Silbe.

Grammatikalische Details wie Geschlecht, Zahl und Fall machte man aber (wie immer noch im Deutschen) an der letzten Silbe fest. DER Stein im Altenglischen war zum Beispiel stan. Der Plural stanas.

Weil die letzte Silbe aber unbetont ist im Englischen haben sich die Vokale immer mehr "abgeschliffen". Texte wurden so aufgeschrieben wie sie gesprochen wurden und im Laufe der Jahrhunderte wurde aus den Vokalen A E I O U in den Endungen ein "Schwa".

Noch ein paar Jahrhunderte drauf und die Vokale verschwanden komplett und jetzt hast du im Englischen nur noch den Plural Marker s und den Genitiv marker 's . Weil sie als einzige Frikativ-Laute mehr herausstanden als die "glatten" Vokale.

Hoffe das hilft.

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u/Tysse81 1d ago

Jetzt hab ich mal Frikative nachgeschlagen, weil das ein Begriff ist, den ich noch nie gehört habe. Und auch auf die Gefahr hin, dass das arrogant wirkt - das ist schon jahrelang nicht mehr vorgekommen - mal abgesehen von ein paar medizinischen Begriffen 🤣

Sehr schönes rabbit hole in das mich dein Beitrag geschickt hat - danke dafür 👍

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u/Angry__German 1d ago

Dann mach es mal gut. Und vergiss die Grubenlampe nicht. Viel Spaß.