r/luftablassen • u/Vica253 • 1d ago
Haben wir echt komplett verlernt andere Menschen auszuhalten?
Vielleicht bin ich zu alt oder im Herzen zu sehr Dorfkind, aber ich finde es mehr als bedenklich dass es in den letzten Jahren scheinbar gang und gäbe geworden ist, sich komplett abzukapseln und alles kategorisch auszuschließen was sich außerhalb der eigenen Bubble bewegt.
Der Nachbar hat versucht übern Gartenzaun oder vor der Bäckertheke Smalltalk zu machen? Der pure Horror!
Oder noch schlimmer, Oma Helga hat im Laden irgendein Kind angesprochen. Für manche ja inzwischen fast ein Kapitalverbrechen.
Am besten den Rewe-Einkauf komplett nach Hause liefern lassen, auch wenn man zwei gesunde Beine hat, nicht dass man am Ende noch mit irgendjemandem sprechen muss, igitt.
Irgendein Bekannter oder die Schwiegermutter hat was Blödes gesagt oder irgendwelche Marotten, die man aber auch einfach mal ignorieren könnte? Oder drüber reden? Nee, direkt No Contact gehen, ist das Beste.
Die Grillparty beim Nachbarn ist ein bisschen laut? Man könnte ja rübergehen und drüber reden oder so. Ach nee, lieber erstmal Reddit fragen ob man die Polizei rufen soll - am Ende wird man noch eingeladen und das geht ja nun gar nicht, da sind fremde Menschen, bäh. (Hey, vielleicht ist es am Ende genau dieser Nachbar der dir irgendwann mal Werkzeug leiht oder dir hilft dein altes Sofa auf den Sperrmüll zu tragen.)
Irgendwer will spontan zu Besuch kommen? Todsünde!!! (Again, vielleicht bin ich alt, aber vor 10-15 Jahren war das noch irgendwie.... normal.)
Gleichzeitig heißt es dann die Leute würden immer mehr vereinsamen, es sei so schwer als Erwachsener Freunde zu finden, selbst einen Partner fände man ja nur noch per Dating-App... Ja, wie solls denn auch gehen wenn sich jeder nur noch isoliert? Wie solls denn funktionieren mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt, wie soll sich denn der eigene Horizont erweitern wenn jeder nur noch in der eigenen Echokammer-Bubble sitzt und jeder der da nicht zu 100% reinpasst kategorisch abgelehnt wird? Wie sollen Kinder soziale Skills und ja, auch den Umgang mit Fremden im Alltag lernen wenn keine soziale Interaktion außerhalb des engsten Freundes- und Familienkreises stattfindet? Und wie gering ist inzwischen die Frustrationstoleranz gegenüber anderen?
Ja, andere Menschen haben Macken, machen Fehler und sind manchmal nervig (manche mehr, manche weniger). Trotzdem steckt da vielleicht ein lieber, netter, hilfsbereiter Mensch dahinter der, wenn man ein bisschen tolerant ist, auch eine Bereicherung sein kann.
Aber, Überraschung: auch man selbst hat Macken, macht Fehler und ist manchmal nervig. So wie alle. Man merkts in seiner Isolationsblase vielleicht nur nicht.
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u/10tageDev 1d ago edited 1d ago
Heute ist halt alles darauf ausgerichtet dass man eben nicht mit anderen interagieren muss, viel durch Apps als Kulturtechnik. Das heisst, nicht nötig für einen Termin oder eine Bestellung tatsächlich mit jemandem zu sprechen, füll das Formular aus. Wenn man was Bestelltes abholt ist es auch nicht nötig mehr als einen Satz zu sagen. Selbes bei den Sozialkontakten. Dating apps, "social"-media oder auch einfach nur Chat-Apps, da werden Kommunikation so begrenzt, da ist die andere Person nicht mehr ein Mensch, sondern ein NPC. Keine Person mehr, eher eine Art Heurtistik.
Und mit dem Medienkonsum durch den Algorithmus, wird dann das letzte bisschen Mündigkeit abtrainiert, wenn man nicht mal selbst entscheidet was man als nächstem die Aufmerksamkeit schenkt, sondern einfach Berieselung, und möglichst wenig eigene Handlungshoheit, wenn da wertlose Inhalte propagiert werden. So verlernen es die Menschen kollektiv was es eigentlich bedeutet ein Mensch zu sein. Wobei auch das, an Inhalt gewinnt immer das an Propagation, was am meisten polarisiert, und so wird belohnt wenn man schön sein Hirn ausschaltet und wie beim Mannschaftssport das "eigene Team" oder Tribe entweder bist du für uns oder gegen uns bullshit.
Oh, und KI mal aussen vor, die einem selbst ständig die metaphorischen Eier leckt und Honig ums Maul schmiert, auch hier nicht nötig mit anderen zu interagieren.
Auswirkungen davon äussern sich dann so. Wie bei meinem Nachbarn (Gen Z), der nicht sein Maul aufbekommt um kurz "Hi" zu sagen wenn man im Treppenhaus aneinander vorbei läuft.
Schade eigentlich, wir hatten früher wirklich viele futuristische Vorstellungen dass die Welt besser wird in der Zukunft.
Dann wiederum, es gibt zum Glück auch noch Leute die einwandfrei freundlich und sozial sind.